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Bin ich beziehungsunfähig?

Gibt es Beziehungsunfähigkeit?

Wenn wir wiederholt erleben, dass unsere Beziehungen scheitern, kann in uns der Gedanke auftauchen, beziehungsunfähig zu sein. Vielleicht fragen wir uns auch, ob unsere (ehemaligen) Beziehungspartner oder -partnerinnen beziehungsunfähig sind. Doch was bedeutet es überhaupt beziehungsfähig zu sein?

Beziehungsfähig sind Menschen, die eine Balance zwischen Nähe und Freiheit finden.

Beide Bedürfnisse sind in jedem von uns verankert. Der Wunsch nach Nähe entsteht aus unserem Bedürfnis nach Bindung, der Wunsch nach Freiheit aus unserem Bedürfnis nach Autonomie. Beide Bedürfnisse gehören zu den sogenannten psychischen Grundbedürfnissen und sind in allen Menschen aufzufinden.

Was uns Menschen jedoch unterscheidet, ist, wie stark diese Grundbedürfnisse ausgeprägt sind und wie diese Bedürfnisse im Einklang miteinander sind. Menschen, die sich als bindungsunfähig wahrnehmen, neigen häufig dazu, eins dieser Grundbedürfnisse „extrem” auszuleben. Manche flüchten vor Nähe, in ihrem, Wunsch unabhängig und frei zu sein. Sie können sich nicht voll und ganz auf eine Person einlassen, weil sie befürchten, ihre Freiheit verlieren zu können. Andere erleben sich als beziehungsunfähig, weil sie – ganz im Gegenteil – nicht alleine sein können. In dem Wunsch nach Bindung und Nähe passen sie sich der anderen Person an und geben sich die größte Mühe zu gefallen – nur um nicht verlassen zu werden.

Die gute Nachricht ist: Die Bedürfnisse nach Bindung und Autonomie lassen sich in Einklang bringen. Jeder Mensch kann lernen, die richtige Balance zu finden.

5 Tipps für eine erfüllte Beziehung

Wie können wir eine Balance zwischen Autonomie und Bindung lernen? Was kann ich tun, damit eine Beziehung funktioniert? Wir haben 5 Tipps für dich, mit denen du deine (nächste) Beziehung positiv gestalten kannst.

1 Setze ein neues Ziel

Manchmal fragt man sich schon, wie man immer und immer wieder in die gleiche Situation kommt oder ähnliche Muster in Beziehungen erlebt. Ganz automatisch passiert es, dass wir Erfahrungen wiederholen. Das dient dazu, dass wir Veränderungen und damit auch Unsicherheiten und Unwägbarkeiten vermeiden. Wir bleiben sozusagen in unserer „Komfortzone", auch wenn das bedeutet, immer wieder die gleichen negativen Erfahrungen zu machen. Diese sind uns wenigstens vertraut und wir wissen zum Beispiel bereits, wie wir mit Trennungsschmerz umgehen.

Setze dir ab jetzt bewusst ein neues Ziel, um diesen Kreislauf zu durchbrechen. Am besten gelingt das, wenn dieses Ziel sich auf dein eigenes Verhalten bezieht, zum Beispiel:

„Ich will üben, mehr Nähe zuzulassen, indem ich mit meinem Partner in den Urlaub fahre.”

„Ich möchte darauf achten, meine Autonomie zu wahren, indem ich an zwei Abenden pro Woche etwas ohne meine Partnerin unternehme.”

2 Aufgabentrennung

Was sich der Überschrift nach vielleicht ein wenig nach Recycling anhört, ist ein ganz spannendes Konzept der Individualpsychologie und besonders wichtig für Menschen, die ein starkes Bindungsbedürfnis haben. Es bedeutet, dass es deine Aufgabe ist, du selbst zu sein und dich nicht in irgendeiner Weise zu verbiegen, damit die andere Person dich liebenswert findet. Das ist nämlich ihre Aufgabe. Das gleiche gilt andersherum: Dein Partner oder deine Partnerin darf ganz er oder sie selbst sein, es ist nicht seine oder ihre Aufgabe dir zu gefallen. Die andere Person zu lieben, genauso wie sie ist, ohne sie ändern oder einschränken zu wollen, das ist wiederum deine Aufgabe.

Exkurs

Erwartungen in der Beziehung

Auch enttäuschte Erwartungen hängen mit der Aufgabentrennung zusammen: Wie die andere Person sich verhält, was sie denkt und fühlt, ist ihre Angelegenheit. Wenn du Erwartungen in einer Beziehung stellst, die in den Aufgabenbereich des oder der anderen fallen (der Klassiker: „Nun freu dich doch mal, ich habe das extra für dich gemacht!”), reagiert die Person zurecht wahrscheinlich verärgert oder mit Rückzug. Beziehungen werden um einiges leichter, wenn du deine Wünsche zwar frei äußerst, aber es vollkommen der anderen Person überlässt, ob sie darauf eingeht und es akzeptierst, wenn sie es nicht tut – er oder sie darf schließlich anders sein und anderes wollen.

3 Vertrauen

Eine gute Beziehung braucht in vielerlei Hinsicht Vertrauen: Zuallererst geht es um das Vertrauen in dein natürliches Selbst.

Du bist liebenswert, genauso wie du bist. Vertraue darauf, dass das, was du denkst, fühlst, sagst und tust, nicht dazu führen wird, dass die andere Person dich nicht mehr liebt oder die Beziehung nicht mehr will.

Dieses Vertrauen in deinen Selbstwert, der sich allein daraus ergibt, dass es dich gibt, kann sich sehr positiv auf dein Wohlbefinden und deine Beziehung auswirken.

Zweitens geht es darum, der anderen Person dein vollkommenes Vertrauen zu schenken. Dazu braucht es Mut. Denn Vertrauen bedeutet nicht, etwas sicher zu wissen und geht nicht damit einher, eine ständige Versicherung zu bekommen.

Dein Partner schreibt nicht zurück? Vertraue darauf, dass ihn die Beziehung genauso wichtig ist und er sich daher wieder melden wird.

Du empfindest Eifersucht, weil sich deine Partnerin mit dem Ex-Partner trifft? Vertraue darauf, dass sie jetzt mit dir zusammen sein möchte und dieses Treffen keine Bedrohung für die Beziehung ist.

Was dein Partner oder deine Partnerin mit deinem Vertrauen macht, ob es wertgeschätzt oder missbraucht wird, ist nicht deine Aufgabe. Alles Kontrollieren ist daher fehl am Platz.

Tipp: Vertrauen wertschätzen

Wenn du ein starkes Autonomiebedürfnis hast, dann kannst du daran arbeiten, dass Vertrauen deines Partners wertzuschätzen. Wenn sie oder er dir die Freiheit gibt, die du brauchst, dann lerne dies wahrzunehmen und wertzuschätzen. Am besten gelingt das, indem du dich vielleicht bedankst oder mit einer Geste zeigst, wie sehr du die Person wertschätzt. Genau dieses Verhalten führt wiederum dazu, dass du mehr auf dem Bindungskonto einzahlst und so wieder Balance herstellst.

4 Akzeptiere Verletzungen

Der häufigste Grund, warum wir uns davor scheuen Beziehungen einzugehen und uns für beziehungsunfähig halten, ist die Angst vor Verletzung. Es ist uns mitunter lieber uns vorschnell zu trennen, als uns einer anderen Person zu öffnen und von ihr verletzt zu werden. Doch es ist nun mal unmöglich, sich in einer Beziehung niemals verletzt zu fühlen. Das bedeutet nicht, dass diese Verletzungen vorsätzlich geschehen – aber sie passieren, da wir alle verschiedene Menschen mit unterschiedlichen Bedürfnissen, Meinungen, Vergangenheiten und Stimmungen sind.

Wenn du akzeptierst, dass es in tiefen Beziehungen zu Verletzungen kommen kann und darauf vertraust, dass diese wieder heilen, wirst du erleben, dass Beziehungen nach solchen Erlebnissen tatsächlich weitergehen und sich dadurch immer weiter vertiefen können.

Bist du beziehungsunfähig?

Kommen wir damit noch einmal zur Einstiegsfrage zurück: Bin ich beziehungsunfähig? Ob du das glaubst oder nicht, das liegt bei dir. Aber vielleicht möchtest du mal mit dem Gedanken experimentieren, dass dich der Glaube an die eigene Beziehungsfähigkeit oder die Beziehungsunfähigkeit anderer davor schützt, tiefe Beziehungen einzugehen, in denen du verletzt werden könntest. Warum sich Beziehungen und Beziehungsarbeit dennoch lohnen, ist die Tatsache, dass Beziehungen zwar Quelle von emotionalem Schmerz sein können – aber auch von persönlichem Wachstum und ganz großer Freude. Nur Mut!

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